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So Funktionierte Prigoschins Gehirnwäsche

Wagner-Chef Prigoschin hat mit seinem Medienunternehmen seit Jahren Propaganda verbreitet. Ehemalige Mitarbeiter berichten über “Trollfabriken”, Lügendetektoren und Schauspieler.

Sie stellten Schauspieler in den Donbass, jubelten dem Kremlchef in Kommentaren zu und verbreiteten Verschwörungstheorien über die Ukraine: Mit seinen Anhängern hat “Putins Koch” und Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin Russlands Präsident Wladimir Putin nicht nur an der Front in der Ukraine unterstützt – sondern den russischen Angriffskrieg gegen das Land offenbar auch seit Jahren vorbereitet. Das geht aus einem Bericht des unabhängigen russischen Mediums “Bumaga” hervor.

Seitdem der Medienkonzern “Patriot Media” von Prigoschin nach seiner Rebellion gegen die russische Führung geschlossen wurde, haben zahlreiche ehemalige Mitarbeiter von “Patriot Media” darüber ausgepackt, wie sie ihre Leserinnen und Leser über Jahre in die Irre geführt haben sollen.

Demnach sollen die Medien des Konzerns, zu denen etwa die Nachrichtenseite RIA FAN gehört, bereits im Jahr 2014 bei der durch Russland völkerrechtswidrig durchgeführten Annexion der Krim Fake News verbreitet haben. Wie die Journalisten im Gespräch mit “Bumaga” berichten, habe das Unternehmen etwa Schauspieler eingesetzt, um einen angeblichen Genozid an der russischsprachigen Bevölkerung im ukrainischen Donbass zu konstruieren.

Juristisch werden unter Genozid – oder auch Völkermord – bestimmte Handlungen verstanden, die darauf abzielen, eine nationale, rassische, religiöse oder ethnische Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören.

Fake News als Kriegsvorwand

Immer wieder zeigten russische Medien in diesem Zusammenhang Menschen, die unter Tränen von den vermeintlichen Kriegsverbrechen und Massenmorden an der russischsprachigen Bevölkerung im Donbass durch die Ukraine berichteten. Diese aber seien Schauspieler gewesen, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter von RIA FAN dem Medium “Bamuga”.

Demnach sei er an der Berichterstattung in Donbass beteiligt gewesen. Dabei seien die Darsteller mitunter gebeten worden, auch “eine Träne zu verdrücken”, während sie ihren Text aufsagten. Mit ihren Behauptungen sollten die Schauspieler offenbar die Vorwürfe Putins belegen: Dieser hatte der Ukraine bereits 2015 vorgeworfen, die russische Bevölkerung im Grenzgebiet entlang des Flusses Don vernichten zu wollen.

Dass diese Vorwürfe haltlos sind, belegt unter anderem ein Bericht der unabhängigen Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) aus dem Jahr 2020. Demnach kamen vom 1. Januar 2017 bis Mitte September 2020 insgesamt 161 Zivilisten ums Leben. Die Zahl der Toten war etwa gleichmäßig auf russischer und ukrainischer Seite verteilt.

Wladimir Putin, Präsident von Russland bei seiner Rede am 15.02.2022 (Archivbild): Immer wieder verbreitete er die Propaganda, die Ukraine würde einen Genozid im Donbass begehen.

Putin aber brachte dies nicht davon ab, an seiner Propaganda festzuhalten: “Nach unseren Einschätzungen ist das, was im Donbass passiert, ein Völkermord”, sagte der Kremlchef in einer Rede am 15. Februar – kurz vor Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine am 24. Februar 2022. Seitdem führt Russland einen erbitterten Krieg in dem Land.

Mitarbeiter wurden Lügendetektortest unterzogen

Um sicherzugehen, dass die Mitarbeiter von “Patriot Media”, tatsächlich Patrioten ihres Landes und Unterstützer Putins sind, hätten sich Bewerber zunächst einem Lügendetektortest unterziehen müssen, berichtet “Bumaga”. Auch seien die Mitarbeiter einer ständigen Überwachung ausgesetzt gewesen.

Überall habe es umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen in Form von elektronischen Ausweisen und Kameras gegeben. Zudem seien alle Aufzeichnungen von Computerbildschirmen an den Sicherheitsdienst weitergeleitet worden.

In der jüngsten Vergangenheit sei der Fokus dann von möglichen Oppositionsanhängern auf Mitarbeiter verschoben worden, die ukrainische Verwandte haben, sagte ein Journalist und ehemaliger Mitarbeiter des Medienkonzerns. Insgesamt habe die Arbeit eher der in einem “Militärunternehmen” geähnelt.

Dass Prigoschin für seinen Medienkonzern so viele willige Helfer fand, ist offenbar auch darauf zurückzuführen, dass er mit einer lukrativen Bezahlung lockte: So sei das Gehalt etwa in bar ausgezahlt worden, sodass es nicht versteuert werden musste, berichtet ein Journalist. Laut ihm seien viele der Mitarbeiter zudem eher “politisch desinteressiert” gewesen und hätten einfach gedruckt, was ihnen von den Chefredakteuren diktiert wurde.

“Gehirnwäsche” durch Wagner-Propagandisten

Doch was wurde ihnen diktiert? Laut den ehemaligen Mitarbeitenden, mit denen “Bumaga” gesprochen hat, sollten sie etwa bestimmte Politiker degradieren, die dem Wagner-Chef oder Putin ein Dorn im Auge sind. So wurden beispielsweise Themen gesucht, um Alexander Beglov, den Gouverneur von St. Petersburg, zu kritisieren. Grund dafür sei ein persönlicher Zwist zwischen ihm und Prigoschin gewesen.

Zudem sollte ein gewisses Informationsrauschen erzeugt werden. Propagandisten vor Ort hätten die Aufgabe gehabt, “mit Material aus der Kriegszone die Menschen einer Gehirnwäsche zu unterziehen”, sagte ein ehemaliger RIA-FAN-Journalist “Bumaga”.

Jewgeni Prigoschin, Chef der Wagner-Gruppe (Archivbild): Putin bezeichnete ihn als "Verräter".

Andere wiederum sollten vom russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ablenken. Mitarbeiter bezeichnen sie auch als “Trollfabriken”, um “die Agenda zu verstopfen”. So wurden etwa Bots eingesetzt, um die Positionen des Wagner-Chefs in den Medien durch Fake-Kommentare zu unterstützen und so den medialen Diskurs in eine prorussische Richtung zu lenken. Auch sollten sie vom Krieg in der Ukraine ablenken. Dies sei etwa geschehen, indem sie auf Probleme in anderen Ländern hinwiesen oder auch über Klatsch und Tratsch schrieben.

Es ist der erste derartige Einblick in die “Trollfabrik” Prigoschins. Ob die Angaben der Journalisten tatsächlich stimmen, kann nicht unabhängig überprüft werden. Mit ihrer Kündigung aber unterstehen sie dem Bericht zufolge keiner vertraglichen Geheimhaltungsklausel mehr.

Prigoschin verlor offenbar schon eher die “Troll”-Kontrolle

Große Teile des Medienkonzerns von Prigoschin wurden nach dem Aufstand des Wagner-Chefs und seiner Söldner durch den Kreml geschlossen. Mit seinen Kämpfern hatte der Wagner-Chef in der Nacht zum 24. Juni mehrere Militärstützpunkte im Süden Russlands besetzt und sich Richtung Moskau bewegt. Kurz vor der russischen Hauptstadt aber brach er seinen Marsch nach Vermittlung durch den belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko ab.

Putin ließ Prigoschin als “Verräter” gebrandmarkt ins Exil nach Belarus flüchten. Ob er sich dort derzeit tatsächlich aufhält, ist unbekannt. Erst am Freitag sendete er ein erstes Foto nach seinem Verschwinden.

Wie seine Zukunft in Russland aussehen wird, ist ungewiss. Denn nicht nur Putin hat sich offenbar gegen den Wagner-Anführer gewandt: Schon seit Anfang Mai waren Experten zunehmend auf Internet-Bots gestoßen, welche scheinbar “die Seite gewechselt” haben und Prigoschin kritisierten. Wie und an wen er die Kontrolle über einen Teil seiner “Trollfabrik” verlor, ist jedoch noch unklar.

Quelle : T-online

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